vorurteilsfrei

Vorurteilsfrei in ein Beratungsgespräch zu gehen, ist mir ein persönliches Anliegen. Wenn ich für den Kinderschutzbund mit hochstrittigen Eltern arbeite, lasse ich mir die Akten mit all den Geschichten, Gutachten und Gegengutachten nicht zeigen; Denn ich möchte gedanklich frei – ja, auch vorurteilsfrei – in einen Termin gehen.

Wie geht vorurteilsfrei?

Nun las ich neulich über ein Experiment, das mich in diesem Mindset noch bestärkte; Das Rosenthalsche Rattenexperiment war lange Bestandteil des Psychologiestudiums und läßt sich so zusammenfassen:

Je zwei Studenten bekamen eine Ratte und sollten dieser beibringen, 3x hintereinander den gleichen Weg durch ein Labyrinth zu nehmen. Jedes Mal, wenn die Ratte richtig abbog, bekam sie ein Leckerli – somit lernte sie: ‘Den Weg nehme ich wieder’. Der Hälfte der Studenten sagte man dabei, daß ihre Ratten als “hochbegabt” getestet wurden. Der anderen Hälfte wurden die “minderbegabten” Ratten überantwortet; ihnen wurde gesagt: Eure Ratten werden sich ein bisschen schwer tun mit dem Lernen, das kann dauern. Natürlich wurden die Ratten per Losverfahren zugeteilt, nur davon wußten die Studenten nichts… Den Studenten wurde lediglich ein freier Nachmittag versprochen mit Beendigung des Experiments.

Das Spannende war nun das Ergebnis!

Eigentlich ahnt man es: Die Haltung der Studenten entschied nämlich über die objektiv messbaren Leistungen der Ratten. Die hochbegabten Ratten waren tatsächlich durchschnittlich schneller als ihre minderbegabten Kollegen. Sie verhalfen so den Studenten zu einem langen freien Nachmittag während die anderen mit ihren Tieren weiterhin trainieren mussten. Das Experiment wurde zigfach wiederholt. Das Ergebnis war jedesmal dasselbe. Was lief da nur ab zwischen Mensch und Ratte?

Wenn diese Beeinflussung – die Haltung des Menschen – sich direkt auf die Leistung des Tieres auswirkt, wie viel gewaltiger muß dann die Beeinflussung zwischen Mensch und Mensch sein? Wir sprechen schließlich die gleiche Sprache. Und wenn uns die gewählten Worte oder der Tonfall nicht verraten, so tun Mimik und Gestik sicherlich das ihre.

Interessiert und gespannt möchte ich mit meinem Gegenüber ins Gespräch kommen. Und neugierig will ich bleiben: Was macht den Menschen vor mir aus? Was gibt es zu entdecken und worin ist er einzigartig? Und wenn ich so überlege, ist das in Kürze die schönste Seite unserer Profession. Und das beste am Mit-Mensch sein.